Gute Idee ins Gegenteil verkehrt

Von Verena Schöntag

Am Beispiel der neuesten Windkraftplanungen zeigt sich, wie eine ursprünglich gute Idee in ihr Gegenteil verkehrt werden kann.

Dass die Entwicklung der Energiegewinnung weg von Atomkraft und den fossilen Energieträgern führen muss, ist inzwischen keine Frage mehr.

Aber können wir uns es leisten, dies ohne Rücksicht auf die Natur und die Lebensräume der darin lebenden Tiere durchzuziehen? - Wohl kaum.

Über ein Drittel der bei uns vorkommenden Vogelarten brüten in unseren Wäldern. Darunter auch Arten, die längst auf der roten Liste der geschützten Vogelarten stehen und auch ohne weitere Eingriffe in ihre Lebensräume in ihrer Existenz bedroht sind.

Umbruch von Grünland für die Anpflanzung von Energiemais, das Verschwinden von Hecken und alten Obstbaumbeständen und der Einsatz von Pestiziden machen ihnen ohnehin schon das Überleben schwer.

Hier im Main-Tauber-Kreis haben wir das Glück, noch Vögel beobachten zu können, die anderenorts schon extrem selten geworden oder bereits ganz aus der Landschaft verschwunden sind.

Dazu zählt zum Beispiel auch der stark gefährdete und streng geschützte Rotmilan, für dessen Erhalt Deutschland eine besondere Verantwortung trägt - brüten hier doch 60 Prozent des weltweiten Bestandes!

Tragischerweise gehören gerade diese Greifvögel zu den häufigsten Opfern der Windräder. Windkraftanlagen werden zu tödlichen Fallen, wenn die Rotmilane beim Thermiksegeln oder bei Balzflügen in den Bereich der rasant drehenden Rotoren geraten: Mehr als 160 mal wurde der Rotmilan in Deutschland schon als Schlagopfer nachgewiesen, und die Dunkelziffer ist enorm. Der von der Energiewende ausgelöste Windkraftboom birgt daher für sie ganz erhebliche Risiken.

Bei der Errichtung neuer Anlagen muss daher im Genehmigungsverfahren sichergestellt werden, dass diese einen Mindestabstand vom 1000 Meter zu bekannten Horsten einhalten. Ein noch deutlich größerer Abstand - mindestens 6000 m - ist zu wichtigen Jagdgebieten des Rotmilans einzuhalten (Quelle: LBV).

Der Flächenverbrauch für die Aufstellung eines Windrades ist enorm. Er wirkt sich im Wald noch viel extremer aus, da für die Zufahrtswege und jeden Quadratmeter genutzter Fläche Bäume gefällt werden müssen. Dabei wird "tabula rasa" gemacht. Auf ökologisch besonders wertvolle Bäume kann keine Rücksicht genommen werden.

Die dafür versprochenen "Ausgleichsflächen" beziehungsweise Wiederaufforstungen werden erst Jahrzehnte später zu wirklichen neuen Lebensräumen, sofern sie überhaupt geschaffen werden.

Bis dahin sind sie allein ein Trostpflaster für die Bürger und ein Ruhekissen für das schlechte Gewissen, das die Verursacher eigentlich haben müssten. Als ökologisch denkender Mensch bin ich entsetzt über diese Planungsvorhaben. Unsere Wälder dürfen nicht nur als nur Lieferanten für nachwachsende Rohstoffe und mögliche Standorte für Windkraftanlagen betrachtet werden. Sie sind schützenswerter Lebensraum!

© Fränkische Nachrichten, Mittwoch, 24.04.2013